Fondation Louis Vuitton: Versuch einer Versöhnung

Fondation Louis Vuitton: Versuch einer Versöhnung

Seit ihrer Eröffnung im letzten Herbst ist die Fondation Louis Vuitton eines der absoluten Kultur-Musts in Paris. Ich bin damals mit gefühlten 20.000 Mitstreitern an einem grauen Regentag Schlange gestanden und war ein klein wenig enttäuscht – vom Wetter, aber auch von Bernard Arnaults Briefmarkensammlung. Diesen Sommer präsentiert die Fondation bereits ihre dritte Werkauswahl – und ich hab’s noch einmal versucht. Fazit: LV und ich sind wieder gut. 😉

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Magische Anziehungskraft auch in der Kunst: LV – Louis Vuitton

Frank Gehry stellte das gläserne Segelschiff, das seine Kumpels salopp The Iceberg nennen, direkt neben den Pariser Freizeitpark und Streichelzoo Jardin d’Acclimatation – vielleicht, damit der perfide Kulturliebhaber seine Kinder sonntags unbemerkt vom Ponyreiten in die Hochburg der ästhetischen Bildung lotsen kann, denn ungefähr so wachsen Pariser Kinder auf.

Diesen Sommer präsentiert die Fondation Louis Vuitton bereits ihre dritte Werkauswahl – und ich hab’s noch einmal versucht. Fazit: LV und ich sind wieder gut.

Ich war nach meinem ersten Besuch der selbsternannten Botschafterin der modernen Ästhetik im letzten Winter geknickt. Erstens musste ich am eigenen Leib erfahren, dass die Fondation nicht eines der Museen ist, das man an Schlechtwettertagen besuchen sollte (da fliegt einem bei Windstärke 8 auf der West-Terrasse schon mal der ein oder andere rostige Nagel aus einer Rojas-Installation entgegen) – sondern ich fand auch, dass Sigmar Polke, Ellsworth Kelly und Alberto Giacometti sich nicht auf Fotografien von Wolfgang Tillmans oder Videoarbeiten Akram Zaataris reimten. Ich habe es einfach nicht verstanden – darf man das laut sagen? Außerdem war mein Suprême de Poulet im hauseigenen Restaurant Le Frank trocken – kurz: Ich kehrte The Iceberg seither die kalte Schulter zu und verließ bei Lobeshymnen meiner Freunde über die Fondation unbemerkt den Raum.

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Spektakuläre Architektur: „The Iceberg“

Weil ich aber mal nicht so sein wollte, bin ich noch einmal hin – denn:

  1. schien die Sonne und ich musste keine heranfliegenden Gegenstände fürchten,
  2. hat Bernard Arnault Gerhard Richter schon lange wieder eingetütet und zeigt diesen Sommer andere Teile seiner Sammlung und
  3. hatte ich schon mittag gegessen, konnte Le Frank also schlichtweg ignorieren.

Und tatsächlich weht eine ganz frische, angenehme Brise in den Galerien der Fondation Louis Vuitton: Die neue Hängung – seit diesem Wochenende komplett – konzentriert Künstler aus aller Welt um zwei Themen: Pop und Musik/Ton.

Wer Pop sagt, muss mindestens einen Warhol aus dem Ärmel schütteln – doch über dessen Selbstportraits hinaus zeigen jüngere Werke Andreas Gurskys, Philippe Parrenos oder Bertrand Laviers, dass Pop Art alles andere als over ist. Die Achse Musik/Ton mit Künstlern wie John Cage, Douglas Gordon, Marina Abramović oder Rineke Dijkstra, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, macht den Besuch zu einem Parcours voller surprises. Ich war am Ende meines Besuchs so euphorisch bei dem Gedanken, dass ich jetzt wie alle anderen in Paris ein Fan von La Fondation sein kann, dass ich beim Heraustreten auf die besagte West-Terrasse und beim dortigen Ertönen eines Tierschreies ungeklärter Spezies kurz dachte: Ich werde jetzt Ponyreiten gehen.

Vorläufer des Selfies: Andy Warhols Self-Portraits mit krassem "out-of-bed-look"

Vorläufer der Selfies: Andy Warhols Selbstportraits à la Passbildautomat

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Alter Warhol-Kumpel: Jean-Michel Basquiats Arbeiten sind beeinflusst von Hip-Hop, Straßenkultur, Graffiti, Jazz, Voodoo, afrikanischen Traditionen und abstraktem Expressionismus. Hier seine Arbeit Grillo aus dem Jahre 1984.

Gilbert & George: „Pop art celebrates consumerism, and we celebrate humanism.”

Gilbert & George: Class War, Militant, Gateway (1986). Das erste monumentale Werk des italienisch-britischen Künstlerduos illustriert den Weg des Individuums von einem Teil der Gesellschaft hin zu einem entwickelten Selbstverständnis.

 

 

2 Kommentare

  1. Simone
    August 1, 2015 / 5:15 pm

    Liebe Nicki,
    starker Artikel! CHAPEAU! – vor soviel Ehrlichkeit beim Thema Kunst.

    Das könnte so oder so ähnlich auch in einem meiner Lieblingsbücher stehen:
    „Kunst hassen – Eine enttäuschte Liebe“ – von Nicole Zepter
    Kurzbeschreibung von Amazon: Wieso müssen wir Kunst bewundern, die uns langweilt? Weshalb sind viele bekannte Künstler sofort bedeutend? Und warum glauben wir überhaupt einem Museum? Dieses Buch zeigt, wie der moderne Kunstbetrieb darüber bestimmt, was wir heute als Kultur wahrnehmen – und warum wir uns damit abfinden.

    … oder eben so wie Du nicht!
    Grossartig!!! Liebe Grüsse

    • Christiane
      Autor
      August 1, 2015 / 6:24 pm

      Liebe Simone,
      es freut mich sehr, dass Dir der Artikel gefällt –
      und der Vergleich zu Nicole Zepter ehrt mich!
      Ich glaube auch, dass man dem eigenen Gefühl immer noch die größte Bedeutung einräumen sollte – auch und vor allem in Kunstfragen!
      Danke für Deinen Kommentar & liebe Grüße,
      Christiane

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