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Must read? How to be Parisian

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Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich vor ein paar Monaten mit einem Freund führte. Laurent ist Franzose, Single, Ende 30 und arbeitet in einer Werbeagentur. Er klagte in resigniertem Ton, dass in Paris inzwischen alle Frauen gleich aussahen. Dass er, egal, wohin er auch ginge, immer auf diese eine, immergleiche Frau stieß und er es müde war, sie anzusprechen, weil sie noch dazu die immer selbe Masche abzog: ein bisschen unnahbar, ein bisschen schlecht gelaunt, ein bisschen rauchend und mit ein bisschen ungewaschenen Haaren. Kompliziert, oder vielmehr zu offensichtlich darauf bedacht, kompliziert zu wirken. Und er fragte sich, wie es all diese Frauen geschafft hatten, sich untereinander abzusprechen.

Offensichtlich typische Pariserinnen: die Autorinnen von How to be a Parisian

Sophie, Audrey, Caroline & Anne: Die Autorinnen von How to be Parisian sehen auch so aus

Ich glaube, ich kenne jetzt die Antwort auf seine Frage – oder zumindest einen Teil davon: Es muss mit diesem Buch zu tun haben, oder mit dem Prototyp von Frau, der an ihm und Laurents Verzweiflung Schuld ist. In How to be Parisian möchten vier Pariserinnen großzügig sein und das Geheimnis ihres French Chics enthüllen – denn irgendjemand hat sie offensichtlich darum gebeten. Da geht es dann um Sachen wie

  • Garderobe: Trench, Ballerinas, Seidenschal (gähn)
  • Gemütslagen: Melancholie, Verliebtsein (Dinge, die nur in Paris vorkommen)
  • Kindererziehung: Bloß nicht perfekt sein (achso!)
  • Männer und wie man sie aus dem Konzept bringt (siehe Laurent)
  • Rezepte für Crêpes und Mayonnaise (Eier, Öl, Salz, Pfeffer…)
  • Wertvolle Schminktipps: BB Creme statt Make-up, Haare an der Luft trocknen – und abends das Abschminken nicht vergessen
  • Ach, und: Schlechte Manieren, denn die gehören zu jeder Pariserin.

Ernsthaft?! – Anscheinend, denn sie haben das Manuskript nicht zufällig auf einer Parkbank liegengelassen, damit es ein Vorschüler findet und daraus Papierflieger bastelt, sondern es zwischen zwei Hardcover-Buchdeckel gepresst und verkaufen es für 15 Euro das Stück – ich denke, die vier Damen meinen es ziemlich ernst, auch wenn im Umschlagtext zur Tarnung etwas von Humor und Selbstironie steht.

Und ich fürchte mich vor den Konsequenzen: Noch mehr Frauen, die sich in diesen Wochen Ringelshirt und Kaschmirpulli zulegen und im schlimmsten Fall für den Rest ihres Lebens so herumlaufen, weil sie denken, es sei der einfachste Weg, unangestrengt special zu wirken – à la Parisienne eben. Noch mehr Frauen, die versuchen, melancholisch zu sein, obwohl es viel amüsantere Beschäftigungen gibt, und noch mehr, die denken, sie werden niemals chic sein, weil sie es nicht schaffen, das Frühstück auszulassen und stattdessen drei Zigaretten zu rauchen. Ist es diese Copy-Paste-Ideologie, von der de Maigret spricht, als sie im Vogue-Interview sagt „Unsere Mütter haben in den 60er Jahren für Gleichheit gekämpft…“?!

Wer oder was ist überhaupt diese Parisienne?

Widersprüchlicherweise stellt How to be Parisian zunächst vier Frauen vor, die als „Parisiennes“ schlechthin gelten – vom Typ aber nicht unterschiedlicher sein könnten: Marie Antoinette, Josephine Baker, Romy Schneider und Jane Birkin. Von ihrem Wohnort abgesehen, ist der einzige gemeinsame Nenner dieser Frauen ihre absolute Einzigartigkeit. Und damit nimmt sich das Buch schon am Anfang den Wind aus den Segeln, denn diese Einzigartigkeit macht die darauffolgende 200-seitige Anleitung à la How to be Parisian hinfällig: Die Parisienne ist in Wirklichkeit das Sinnbild einer Frau, die ganz einfach sie selbst ist. Mit all ihren Eigenheiten, Makeln und Vorzügen – frei eben. Und das Ergebnis sieht für jede Frau, die dieses Ideal anstrebt, absolut unterschiedlich aus.

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Evolution der Parisienne? Marie Antoinette, Josephine Baker, Romy Schneider & Jane Birkin

Heute ist es wünschenswert, dass eine Frau ihre Individualität lebt, zu Zeiten Coco Chanels war es revolutionär. Deshalb waren die, die es damals in aller Öffentlichkeit taten, Stars – und Paris wurde zu ihrem Pflaster, weil es die Stadt der Kreativen und Intellektuellen, der Andersdenker war. Der Mythos der Parisienne entstand, gefolgt von allem, was man ihm an Äußerlichkeiten, an Stil und Verhalten zuschrieb. Nur darf man diese Äußerlichkeiten nicht mit dem Verwechseln, worum es eigentlich ging: Um Freiheit, Individualität, Selbstausdruck.

Heute ist es wünschenswert, dass eine Frau ihre Individualität lebt, zu Zeiten Coco Chanels war es revolutionär.

Deshalb finde ich das Buch von de Maigret & Friends nicht nur unnötig, sondern irreführend, bisweilen irgendwie unverschämt: Denn es steht nicht, wie es behauptet, für den Archetyp der Parisienne, sondern für einen ganz bestimmten Typ von Frau hier in Paris – die in meinen Augen bei Weitem nicht die attraktivste ist. Im Gegenteil, denn sie ist so darauf bedacht, einen Mythos zu verkörpern, den sie selbst überhaupt nicht verstanden hat, und gibt sich so viel Mühe, mühelos zu wirken, dass sie irgendwann gar nichts mehr verkörpert; denn sie hat an sich gearbeitet, aber am falschen Ende angefangen – nämlich außen. Diese Art von Pariserinnen erkennt man unter Umständen auch daran, dass sie beim Autofahren tatsächlich gern mal den Mittelfinger zeigt wie in How to be Parisian empfohlen. Aber das macht sie nicht interessant, sondern einfach nur vulgär. Schlechte Manieren sind immer out – zu allen Zeiten und an allen Orten dieser Welt. Daran ändert sich auch nichts wenn man dazu edle Spitzenunterwäsche trägt.

Paris hat 2,3 Millionen Gesichter, davon sind die Hälfte Frauen. Doch d’après de Maigret dürfen sich nur die Pariserinnen nennen, bei denen auch die Magnum-Flasche Chanel N° 5 ins Handschuhfach passt. Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Buch zu lesen: Entweder als nett bebildertes Tagebuch von vier (sehr) spät pubertierenden Freundinnen – in diesem Fall ein amüsantes Mitbringsel, z.B. für meine ebenfalls auf der Schwelle zum Erwachsenwerden strauchelnden Nichte, die sich dann vielleicht nicht mehr so alleine fühlt. Oder aber als moderne Tragödie: nämlich als verzweifelten Selbstrettungsversuch von vier Frauen, die in Paris geboren sind, die ihre ganze Jugend daran glaubten, dass wenn sie brav Sartre und Baudelaire lasen und an ihrem Schmollmund arbeiteten, sie bei der Adresse gar nicht anders konnten, als später einmal very special zu sein – so wie Coco, Romy und Jane eben. Die heute aber unterschwellig ahnen, dass, während sie zwischen ihrer Zweitheimat New York und ihrem Pariser Apartment im 6. Arrondissement hin und her jetteten, genau das Gegenteil passiert ist und Paris und der Rest der Welt längst ohne sie stattfinden – und deshalb noch einmal alles daran setzen, mit einer Stilbibel Europa und die USA davon zu überzeugen, das sie die Originale sind. Très, très triste…

 

2 Kommentare

  1. Juli 29, 2015 / 12:23 pm

    ich finde deine Gedanken zu diesem Buch ziemlich sympatisch liebe Nicki! ich lese solche Bücher zwar schon ganz gerne, aber eben auch nur so gerne, wie ich die InStyle oder Cosmopolitan lese und dabei macht es weniger einen Unterschied in welchem Magazin ich blättere 😉
    echte Inspiration aber finde ich im wahren Leben, auf der Straßen, bei meinen Mitmenschen. wie langweilig wäre die (Mode-) Welt, wenn wir alle gleich „chic“ rumliefen?!

    toller Post!
    <3 Tina
    https://liebewasist.wordpress.com/

    • Christiane
      Autor
      Juli 29, 2015 / 12:39 pm

      Liebe Tina, freut mich, dass der Post dir gefällt!
      Da bin ich ganz deiner Meinung – das Leben ist die wichtigste Inspiration : )
      Danke für dein positives Feedback,
      Christiane

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