SIND WIR NUR SCHAUM auf dem Badewasser?

meditieren

Das Beste, was mir dieses Jahr passiert ist: Ich hab einfach mal angefangen, zu meditieren. Die meisten Leute, die ich kenne, denken immer noch, Meditieren sei so etwas wie eine jahrtausend alte Gelegenheit, ein paar Mal tief ein- und auszuatmen, bis 100 zu zählen und sich dabei zu Tode zu langweilen. Etwas für buddhistische Mönche, die ansonsten nicht wissen wohin mit sich. Klingt für mich mittlerweile ein bisschen wie vor 40 Jahren, als man dachte, Sport macht man nur dann, wenn man dazu gezwungen oder wenigstens gut dafür bezahlt wird.

Das Beste, was mir dieses Jahr passiert ist: Ich hab einfach mal angefangen, zu meditieren.

Zunächst ein exklusiver Einblick in mein intimstes Seelenleben: Ich hab mir vor ein paar Monaten mal ganz ehrlich überlegt, wie es sein wird, kurz bevor ich sterbe. Was ich eventuell bereuen könnte, und was rückblickend für mich zählen wird. Was genau wird mich mit ganzem Herzen sagen lassen: „Ich kann jetzt gehen.“ Und mir ist klar geworden, dass ich dafür eigentlich nur eine Sache brauche: Das Gefühl, dass ich überhaupt hier war. Das war erst mal nur so eine Ahnung, später konnte ich sie weiter definieren – es hatte etwas damit zu tun, dass ich so wach und präsent wie möglich sein wollte, ich selbst, und das so oft wie möglich. Ich wollte jeden Augenblick möglichst intensiv mit dem Leben verbunden sein – ungefähr das Gegenteil von den Tagen, an denen es plötzlich Abend ist und ich keine Ahnung habe, wie das so schnell passieren konnte.

Es ging mir also um Bewusstheit – somit kam ich auf das Thema Meditieren. Anfang diesen Jahres fing ich an: 10 bis 30 Minuten pro Tag – die mittlerweile tatsächlich alles für mich verändert haben. Mehr Präsenz, mehr Wachheit, mehr Verbundenheit, mit allem. Außer mit meinen Gedanken.

Meine Gedanken: ganz unterhaltsam, aber das war’s auch schon

Früher dachte ich, das Beste, was ich machen kann, ist schöne, konstruktive, interessante, leckere, innovative, witzige Gedanken und Gefühle zu haben; und negative mit solchen zu ersetzen. Kurz gesagt: Ich dachte, ich sei meine Gedanken und Gefühle, und die sollen lieber positiv sein, weil das meinem Selbstbild entspricht. Seit ich meditiere, weiß ich, dass ich genauso gut annehmen hätte können, ich sei der Schaum auf meinem Badewasser.

Beim Meditieren geht es darum, den Geist im Beobachten zu trainieren, die Wahrnehmung zu schärfen für Sinneseindrücke, Gefühle, Emotionen, Gedanken, und auch für das, was dazwischen passiert. Das klingt simpel, ist es eigentlich auch, wir machen es bloß viel zu selten und es hat eine unglaubliche Wirkung. Je bewusster ich mir werde, was sich in jedem Moment zeigt, desto weniger lasse ich mich davon vereinnahmen – und realisiere plötzlich: Ich bin nicht meine Gedanken, Gefühle, Eindrücke – die kommen und gehen, sind ziemlich unzuverlässig. Ich bin das, was zuschaut. Ich bin das Bewusstsein meiner Gedanken. Und diese Erfahrung macht in einem Wort: frei. Sie gibt mir unendlich viel Macht über mein Leben, denn meine zuvor hauptsächlich unbewussten und damit viel zu mächtigen Gedanken kann ich plötzlich in Frage stellen, ihnen Glauben schenken oder eben nicht.

Das kann alles verändern: Meine Beziehungen, Tätigkeiten, Schlussfolgerungen – sogar, wie ich auf meine Vergangenheit schaue und sie interpretiere. Alles wird ein bisschen lockerer, ist gar nicht so wild, sogar Negatives bekommt rückblickend etwas Versöhnliches – und ich bin plötzlich dankbar für jede einzelne Erfahrung, egal ob einst als „gut“ oder „schlecht“ etikettiert.

Meditieren: ein Abstand, der Verbundenheit schafft

Und was gerade so klingt, als sei mir auf einmal alles wurscht, hat in Wirklichkeit das genaue Gegenteil zur Folge: Je trainierter ich darin bin, mich für die direkte, augenblickliche Erfahrung zu öffnen, desto verbundener bin ich auch mit dem, was wirklich ist, und was ich wirklich bin – unabhängig von Konzepten und Geschichten, die ich mir früher über mich und die Welt erzählt habe.

Es geht plötzlich nicht mehr so sehr darum, was genau ich im jeweiligen Moment tue, sondern was ich bin, während ich es tue.

Je bewusster ich mir den Dingen bin, desto unfassbarer wird jedes einzelne außerdem. Ich habe, seit ich meditiere, eine völlig neue Beziehung zum Leben (oder auch eine wiedergewonnene Beziehung – manchmal fühle ich mich nämlich ein bisschen wie als Kind). Die Tage sind auf einmal wieder länger, farbiger, intensiver, die Begegnungen echter. Überall ist Raum für Neues, Unsagbares, Unverschämtes, Unglaubliches. Ich habe weniger Angst. Es geht plötzlich nicht mehr so sehr darum, was genau ich im jeweiligen Moment tue, sondern was ich bin, während ich es tue. Mit anderen Worten: Ich habe so eine Art Ahnung davon, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein, hier zu sein – und: zuhause zu sein, egal wo. Das ist doch für ein paar Mal täglich tief ein- und ausatmen gar nicht so übel.

Wer es gleich mal ausprobieren will, hat viele Möglichkeiten: Kurse, Bücher, Apps – Letztere empfehlen sich zum unkomplizierten und schnellen Einstieg. Mein absoluter (englischsprachiger) App-Favorit ist Headspace, es gibt aber auch deutsche Angebote wie 7Mind. Diese beiden und die meisten anderen bieten Gratis-Versionen zum Testen. Enjoy! 🙂

 

Hello! Ich bin Christiane und habe diesen Post geschrieben. Ich lebe als freie Redakteurin in Paris. Ich berichte Euch ab und an, was es hier Neues gibt – und was mich in Sachen Mode und Lifestyle bewegt.