ALLES GUT: Wenn Optimismus zwanghaft wird

Optimismus

Folgendes passiert mir in letzter Zeit immer öfter: Jemand deutet etwas Negatives an (es kann sich um’s Wetter drehen oder um den Rotwein) – und dann gibt es immer eine Person, die einfach nicht anders kann, als in einem leicht nervigen Ton zwischen Wohlwollen und Überlegenheit das „Problem“ für den Betreffenden neu zu formulieren, und zwar durchweg positiv – und je schlechter die zuvor geäußerte Erfahrung, desto größer die Begeisterung. Das graue Wetter vergrößert die Vorfreude auf den Frühling, der zu säuerliche Wein passt sicher ganz hervorragend zu einem Schmorbraten, du steckst im Scheidungskrieg? Was für eine dolle Chance für persönliches Wachstum! Wenn sich etwas nicht komplett uminterpretieren lässt, werden zumindest alle positiven Aspekte der betreffenden Situation aufgetischt.

Alles-ist-gut-Menschen haben eine Instant-Antwort immer dann, wenn alle anderen gerade nicht weiterwissen. Sie sind nie um eine sogenannte Lösung verlegen, stürzen sich ohne Zögern immer gleich auf Vorteile, Chancen und Möglichkeiten, wollen Hoffnung vermitteln, noch bevor der andere Zeit hatte, etwas von Hoffnungslosigkeit zu sagen.

Aber mal ganz ehrlich: Da ist doch was faul dran!

Auf den ersten Blick scheinen die selbsternannten Problemlöser allen anderen etwas vorauszuhaben, man könnte meinen, sie seien souveräner, allem gewachsen, hätten stets den Überblick – Gewinnertypen eben. Ich glaube mittlerweile, dass hinter dem ewigen „Alles ist ganz wunderbar“ in Wirklichkeit nichts anderes steckt als stinknormale, gewöhnliche, banale: Angst. Angst vor Unbehagen, Unannehmlichkeiten, Schmerz, bad vibes. Angst davor, Zeit zu verlieren, schwach/verletzlich/ratlos/unattraktiv zu wirken, keine große Hilfe zu sein, wie die eigene Mutter zu werden, sein Leben zu vermasseln, Angst vor noch mehr Angst, vor Unbekanntem, Unerwartetem, vor Erfahrungen, die einem auf LinkedIn nichts nützen. Es ist nicht schwer, Negatives positiv zu reden. Es ist viel schwieriger, einfach mal den Schnabel zu halten.

Und wenn Angst Grundlage unserer Gedanken, Worte und Handlungen ist, sind wir weder gute Navigatoren unseres eigenen Lebens, noch gute Gesprächspartner, geschweige denn Ratgeber. Da kann der Rat noch so wohlgemeint sein und positiv klingen. Für mich hat die Fähigkeit, auch mal etwas Schlechtes zu sehen und anzuerkennen mit Mut zu tun, mit Vertrauen ins Leben – und ich glaube sogar, es ist der einzige Weg, wirklich weiterzukommen.

Was man sieht, kann heilen. Was man verdrängt wird mächtig.

Jemand, der krampfhaft versucht, immer nur das Positive zu sehen, immer zu lächeln, nie das Handtuch zu schmeißen, mit aller Gewalt Rückschläge wegzuignorieren, zu überschminken und kleinzureden – der wird vielleicht den Eindruck haben, produktiv zu sein, aber eines tut er mit Sicherheit nicht: das in seinem Leben heilen, was Heilung bedarf. Und davon haben wir alle etwas. Heilen kann aber nur, was auch gesehen wird – in seiner ganzen Abscheulichkeit. Kein Arzt, kein Psychologe, kein Unternehmensberater kann seinen Job machen, wenn er nicht zuerst bestimmt, was gebrochen, verstaucht, infiziert, deformiert oder schief gelaufen ist. Das ist oft nicht schön anzuschauen – aber er muss trotzdem genau hinsehen, sonst kann er auch nicht bestimmen was zu tun ist. Nur gut, dass sich Ärzte und Trauma-Therapeuten nicht auf die Kraft des positiven Denkens verlassen. Und fürs Innenleben gilt sowieso: Was man verdrängt, runterschluckt, unter den Teppich kehrt, wird mächtig – und holt uns früher oder später ein.

Der Rotwein schmeckt beschissen – aber wir trinken ihn gemeinsam.

Inmitten einer Krise, am Abgrund unserer Verzweiflung – was ist es, das wir am dringendsten brauchen? Einen Lösungsvorschlag? Ein „Alles wird gut“? Das glaube ich nicht. Wenn’s mir richtig dreckig geht und ich nicht weiter weiß, dann will ich keinen Schlaumeier an meiner Seite, der mir zeigt wo’s langgeht. Das finde ich dann schon selber raus. Ich will jemanden an meiner Seite, der a) nicht durch mich hindurchschaut, sondern mich sieht und zu 100% anerkennt, dass ich mich am Rande des Wahnsinns befinde. Und der b) sagt: „Keine Ahnung, wie’s weitergeht, aber: Ich bin hier – und irgendwie schaffen wir das schon“ (man beachte das „wir“). Das hat unendlich mehr Power und vermittelt unendlich mehr persönliche Stärke und Integrität als jedes im Grunde verzweifelte Haschen nach einem rettenden Grashalm, der macht, dass alles gut ist. Wenn’s mal nicht so wunderbar läuft, brauche ich jemanden, der den Mut hat, mit mir volle Breitseite die Dunkelheit zu konfrontieren, durchs Inferno zu manövrieren, Trauertäler, kulinarische Tiefgänge und Hangovers durchzumachen. Aus meiner Erfahrung ist das Konfrontieren der Dunkelheit sowieso die einzige Art, auf die überhaupt jemals alles gut werden kann.

Und hey: Ich sage nicht, dass wir das Negative suchen oder gar kultivieren sollen – ich kenne ein paar Vertreter auch dieser Disziplin und kann versichern: Alles schwarz zu sehen, sich und andere ständig als vom Schicksal gebeutelte Opfer zu identifizieren, das Leben als Tragödie zu inszenieren, ist mindestens genauso fehl am Platz wie das ewige Schönreden. Warum können wir nicht einfach hingucken, hinhören, wahrnehmen was ist – und zugeben, dass wir in Wirklichkeit auf das Wenigste eine Antwort haben. Das ist doch gerade das Wunderbare.

 

Hello! Ich bin Christiane und habe diesen Post geschrieben. Ich lebe als freie Redakteurin in Mexico. Ich berichte Euch ab und an über alles, was mich in Sachen Leben und Lebensstil bewegt.