SCHÖN FREMD

Schöne Menschen erkennt man nicht am Aussehen, pflegte meine Mama immer zu sagen. Jetzt, wo meine Hülle mit Anfang 40 erste Risse bekommt, wird mir mehr denn je bewusst, wie fragil diese Sache mit der Äußerlichkeit ist. Als Frau und Mutter stellt sich mir mehr denn je die Frage, welche Werte ich meiner Tochter langfristig vermitteln möchte. Stecken wir nämlich zu viel Zeit und Energie in Äußerlichkeiten, tuen wir uns nichts Gutes – vielmehr entfernen wir uns mehr und mehr von unserem wahren Sein und nähren nur unnötig unser Ego. Diversität, innere Klarheit, Selbstliebe – all das macht in meinen Augen einen attraktiven Menschen aus. Kürzlich bin ich über den Ausspruch „Du bist nicht schön, du siehst nur so aus!“ gestolpert und fand ihn ziemlich treffend. Aufgeschlossenheit, Empathie und Güte sind die wahren Schönheitsideale, weniger die perfekten Augenbrauen oder das makellos konturierte Gesicht.

Diversität, innere Klarheit, Selbstliebe – all das macht in meinen Augen einen attraktiven Menschen aus.

„Du bist genug, mein Schatz!“ pflege ich meiner Tochter immer zu sagen. Ehrliches Interesse an ihrer Person, ihren stolzen aber auch fragilen Momenten, ihren Erfolgen wie auch Niederlagen lassen sie spüren, wie wertvoll sie für mich und ihre Umwelt ist. Dass sie mit all ihren Begabungen und Schwächen einzigartig und schön ist, legt einen wichtigen Grundstein für ihre seelische Gesundheit und macht sie nicht so schnell anfällig für ein rein äußerliches Schönheitsdiktat, das sehr individuell und abhängig vom jeweiligen Zeitgeist ist. Vertrautheit und Geborgenheit entsteht aus einer Komposition: Es sind meine Stimme, meine Augen, meine Mimik. Wenn dieselbe Stimme plötzlich aus einem  „glattgebügelten“ Gesicht kommt, wirkt das fremd – viel schlimmer, es gleicht einer Kündigung.

Ich habe schon so viel Trends kommen und gehen sehen: weibliche und androgyne Hüften, schmale und buschige Augenbrauen, hip dents und thight gaps. Die Liste lässt sich beliebig erweitern und man bedenke nur wie zeitaufwändig und kostspielig es ist, anderen immerzu gefallen zu wollen.

Seitdem ich denken kann, war ich blond. Ich habe mit Strähnchen, dann mit einem Komplettlook à la Marylin Monroe experimentiert. Zum Glück wurde mein Abiball nur auf Fotopapier verewigt und nicht auf SocialMedia – ein Vorteil meiner Generation. Blond war für mich immer der Inbegriff der Weiblichkeit, der nur so vor Souveränität strotzenden Frau. Ich stand gerne im Mittelpunkt, hatte es gern, wenn sich die Welt um mich drehte. In meinen 20igern strahlte ich gern mit meinem Pailletten-Top um die Wette und hielt an der äußeren Form fest. Versteht mich nicht falsch: Weiblichkeit und Souveränität  sind nach wie vor Teil meiner Identität, aber sie haben eine andere Qualität als früher. Seinerzeit verlor ich schon mal den Halt, sobald die schönen Dinge, Menschen oder Situation aus meinen Leben verschwanden. Ich fühlte mich schnell gekränkt, wenn mir jemand nicht die nötige Beachtung schenkte. Durch die Krisen des Verlustes begann ich mit der Zeit immer mehr im Herzen zu denken. Dazu gehörte auch, meine verstaubten Glaubenssätze und Gedankenmuster zu überdenken. Ich verstand, dass ich rückwirkend viele meiner Entscheidungen nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Verstand getroffen hatte. Die Einsicht, Dinge einfach loszulassen und das Ärgern zu verlernen, war so fundamental wie simpel – denn mit dem Buckel von gestern  und den Sorgen von morgen ist das Heute unbrauchbar.

Die Einsicht, Dinge einfach loszulassen und das Ärgern zu verlernen, war so fundamental wie simpel.

Der ewige Kampf in meinen meist egozentrierten Männerbeziehungen raubte mir oftmals Kraft, aber das ist ein anderes Kapitel und würde Bücher füllen, wie eine gute Freundin immer zu sagen pflegt. Ich erkannte, dass viele dieser Umwege nötig waren, um schlussendlich Platz für mein wahres Bewusstsein zu machen, frei  von äußerlichen Einflüssen. Die persönliche Nabelschau war nicht mehr so wichtig und wurde durch eine pulsierende schöpferische Kreativität abgelöst. Das half mir ein gesundes Verhältnis zu mir zu entwickeln. Heute mache ich mich nicht mehr abhängig vom Applaus anderer. Ich bin nicht immer glücklich, wenn ich in den Spiegel schaue – aber auch nicht unglücklich. Mit einem Mal merkte ich, wieviel Freude es mir bereitet, meinen Optimismus und mein Licht für andere einzusetzen, gute Gedanken zu denken und das Herz in Liebe zu öffnen. Der Drang nach Anerkennung wich langsam dem Wissen, dass eine positive und ermutigende Ausstrahlung Gutes am Kollektiv bewirken kann.

Fast sechs Jahre später, mittlerweile brünett und nach erfolgreichem Auftritt als Letterpress-Künstlerin, möchte ich wieder neue Wege gehen. Ich möchte meine schöpferische Energie und Lebensfreude auf andere übertragen. Ich will Mut machen, motivieren, Wärme und Kraft spenden, weil ich selbst genug davon habe. Im Frühjahr beginne ich meine Ausbildung zur Encouraging-Trainerin und natürlich zieht es mich als Pädagogin vorrangig in die Jugendarbeit, da ich finde, dass Kinder unseren bedingungslosen Zuspruch benötigen, um sich in der zunehmend oberflächlichen und digitalen Welt zurechtzufinden und sich nicht in den falschen Vorbildern zu verlieren. Kinder brauchen liebevolle Ermutigung auf Augenhöhe, jemanden, der ihr Potenzial erkennt und sieht, worin sie sich auszeichnen und nicht das, worin sie versagen. Denn nur so können sie glücklich und sozial aufwachsen. Wer die Menschen für gut hält, macht sie besser – ich übe noch fleißig!

Photos: Bormann Format und Hensel Photography

 

natalia ried

Hi, ich bin Natalia und habe diesen Post geschrieben. Durch meine Arbeit als Pädagogin, Designerin und Encouraging-Trainerin will ich möglichst viele meiner Talente zum Entfalten bringen. Ich möchte Frauen dazu ermutigen, ihre wahre Vollkommenheit zu erkennen. Ich will Mut machen, Kräfte mobilisieren und dir helfen, deine innere Haltung zum Positiven zu verändern.