WIE WIRKLICH ist die Wirklichkeit?

Mir geht es gut! Dies nur mal vorweg. Am 28. März habe ich das letzte Bild bei Instagram hochgeladen und die ungeplante Sendepause bis heute ganz gut überlebt. Meine Follower nehmen dies nicht ganz so locker. Die Abwesenheit besorgt sie. Mehrmals die Woche erhalte ich persönliche Nachrichten: „Hey, just want to check in and make sure you are ok?“, „Alles klar?“, „Geht es dir gut?“, „Be well Angel!“. Sehr süß! Doch betrachtet man die Situation genauer, hat die Sorge auch etwas Erschreckendes. Denn das Lebensglück scheint eng verwoben zu sein mit der täglichen Zahl an Uploads bei Instagram. Die Gleichung ist einfach: Postest du keine Bilder, ist dein Leben entweder langweilig oder du liegst im Koma.

Ein schöner Instagram-Stream garantiert jedoch keine erfüllten Momente, er lässt nur andere in diesem Glauben. Oft ist genau das Gegenteil der Fall. Einen erfolgreichen Account zu führen, ist harte Arbeit. Denn die wunderschönen Bilder sind kein Nebenprodukt des Lebens, sie sind vielmehr zentraler Bestandteil jeglichen Handels. Urlaubsorte, Essen, Restaurants und Kleidung werden nach ihrer Instagram-Tauglichkeit ausgewählt. Immer auf der Suche nach dem einen Motiv, das die restliche Influenzer-Meute noch nicht entdeckt hat.

Die Wahrheit zieht sich noch die Schuhe an, während die Unwahrheit schon um die Welt ist.

Mark Twain

Die gezeigte Welt entspricht schon lange nicht mehr der Realität – auch wenn einige noch daran fest halten. Bunte Luftballons, flatternde Tauben, große Augen und lange Beine … Photoshop erfüllt alle Wünsche. Immer mehr Apps schwappen auf den Markt, mit denen sich der kosmopolitische Instagramer im Handumdrehen einen Sixpack hin- und ein paar Kilos wegzaubern kann. Es entsteht eine virtuelle Realität, die mit der tatsächlichen Wirklichkeit nicht mehr viel gemein hat. Es werden Leben gezeigt, in denen sich eine Traumreise an die andere reiht und Taschen den Wert eines Kleinwagens haben. Wo alle lachen und wahnsinnig glücklich sind.

Rosarote Fantasiewelten stehen hoch im Kurs. Aber wieso? Ist die wahre Realität denn so schlimm? Wie schon Mark Twain so schön formulierte: Die Wahrheit zieht sich noch die Schuhe an, während die Unwahrheit schon um die Welt ist. Wir wollen diese inszenierten Bilder sehen und begründen damit ihren Erfolg. Bilder, die ein perfektes Leben zeigen und uns von unserem Dasein ablenken und uns in eine Traumwelt entführen.

Nebenwirkungen der Digitalisierung

Let’s face ist: Einige haben Spaß – der Rest der Welt schaut zu! Dass dieses Ungleichgewicht Konsequenzen haben wird, liegt auf der Hand. Aktuelle Studien zeigen, dass sich die Selbstmordrate bei jungen Frauen in den USA in den letzen 7 Jahren verdoppelt hat. Dabei korreliert die Suizidrate eindeutig mit den Stunden der Mediennutzung täglich. Weiterhin wurde festgestellt, dass Mädchen, die 3 Stunden täglich bei Facebook unterwegs sind, mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit mit 18 depressiv sein werden.* Das sind beängstigende Zahlen! Die Auswirkung der Digitalisierung auf den Einzelnen und die gesellschaftlichen Strukturen sind enorm – wir sehen zum jetzigen Zeitpunkt nur die Spitze des Eisbergs. Einsamkeit, Konformität und ein Gefühl des Mangels sind die Begleiter in dieser bunten und schnellen Welt. Das Ticket für die digitale Show bezahlen wir mit unserem kostbarsten Gut: unserer Zeit!

Mädchen, die 3 Stunden täglich bei Facebook unterwegs sind, werden mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit mit 18 depressiv sein.

Aber beginnen wir nochmal von vorne: Startschuss für meine Vacation from Instagram war, dass ich morgens kein Bild zum posten hatte. Am nächsten Tag hatte ich immer noch kein Bild. Am übernächsten Tag hätte ich ein Bild gehabt, mir gefiel allerdings der Umstand, dass meine Tage ohne Instagram plötzlich 2 Stunden länger waren. Das ist eine Menge Zeit, wenn man einen content-orientierten Blog betreibt und auch gerne in der Realität lebt. Außerdem hatte ich einfach keine Lust mehr, meine kostbaren Momente zu teilen. Nicht weil ich andere nicht daran teilhaben lassen wollte, sondern aus Liebe zu dem jeweiligen Moment und der Intensität der Erfahrung. Ein Cappuccino schmeckt doppelt so gut, wenn Bildausschnitt und Tischarrangements keine Rolle spielen. Wenn man die warmen Strahlen eines Sonnenuntergangs mit einem lieben Menschen teilt und nicht mit seinem Smartphone. Dann erfahren wir, um was es eigentlich wirklich geht: das eigene Glück!

Fazit: Authentizität und Echtheit sind zentrale Werte auf REBEL IN A NEW DRESS. Betrachtet man es nüchtern, passen Instagram und ich eigentlich nicht zusammen. Retuschierte Bilder, bezahlte Posts und ein zensierender Algorithmus machen es mir schwer, mich anzufreunden. Aus diesem Grund war ich schon einige Male versucht, meinen Account zu löschen. Doch eine entscheidende Sache hält mich davon ab: Die lieben Menschen und treuen Wegbegleiter, die ich über Instagram kennengelernt habe. Sie möchte ich nicht missen! Also beobachte ich das Spiel weiter und harre der Traumwelten, die ungeduldig auf ihr Upload warten.

* Die aufgeführten Studien wurden von Prof. Dr. Dr. Spitzer auf der Jahrestagung es Verband der Zeitschriftenverlage in Bayern – zu der ich im April eingeladen war – erwähnt. Sein Vortrag ist sehr sehenswert und garantiert das ein oder andere Aha-Erlebnis. Für alle, die tiefer in die Materie einsteigen möchten, gibt es hier die ganze Speech (einfach bis zu den Filmen runter scrollen).

 

Hey, ich bin Nicki und Gründerin von REBEL IN A NEW DRESS. Ich berichte Euch auf meinem Blog regelmäßig über die neuesten Styles, Fashion-Trends, Anti-Aging und Inspirationen für ein glückliches Leben.