MAMA IST NICHT DIE BESTE? Grund zu feiern!

Genauso wie Weihnachten für Singles oder mit der Familie Verkrachte die schwärzesten Tage im Jahr sind – kenne ich ein paar Mädels, für die Muttertag nicht zu Lobeshymnen „Mama ist die Beste“ und Kaffeekränzchen inspiriert, sondern eher zu Migräne. Was, wenn es eben nicht so ist? Was, wenn das Verhältnis zur Mutter von Vorwürfen, Frustrationen und Enttäuschungen geprägt ist?! Ein Grund für 24 Stunden Trübsal, Schuldgefühl, Selbstmitleid? I don’t think so. Im Gegenteil.

Ein Hoch auf alles was kaputt ist

Die gute Nachricht vorweg: Wenn das Verhältnis zu Mama nicht gerade rosig ist, ist das eine riesen Chance. Die schlechte Nachricht: Ich muss da mal kurz ausholen. Was ich mittlerweile kapiert habe ist, dass Frustrationen, Enttäuschungen, Brüche – alles, was wir in unserem Leben als größere oder kleinere Katastrophen erleben, immer etwas unendlich Wertvolles birgt. Von Leonard Cohen stammen die beispiellos weisen Worte:

There is a crack in everything. That’s how the light gets in.

 

Die großen, guten Entwicklungen und Fortschritte, die wir im Leben gemacht haben – kamen die in Zeiten wo alles Heil und Segen war? Oder waren sie Resultat von Verlusten und Enttäuschungen, von Zerbrochenem, von Werten und Ideen, die plötzlich in Frage standen, obwohl sie uns eben noch die größte Sicherheit geboten haben? Genau da, wo etwas kaputt ist, im Scheitern, liegt unser größtes Entwicklungspotenzial. Das ist keinesfalls als Aufforderung zu oberflächlichem Optimismus gemeint: Man muss schon den Mut haben, hinzugucken und sich der Realität stellen. Aber je direkter wir sie konfrontieren, desto klarer sehen wir an einem bestimmten Punkt, dass in jedem Crack, jeder Dissonanz, jeder Enttäuschung, und scheint sie uns zunächst als noch so große Katastrophe, etwas grundlegend Gutes auf uns wartet – etwas, das uns weiterbringen will. Ich glaube, dass Scheitern und Enttäuscht-Werden uns für unsere Möglichkeiten – für unsere Freiheit – überhaupt erst verfügbar machen.

Verzweifeln, konzentrieren, darüber hinauswachsen

Im Bezug auf unser katastrophales Verhältnis mit La Mamma heißt das: Yay! Ja, nicht wirklich. Aber ungefähr so: Augen aufmachen, sich der ganzen Enttäuschung, den unerfüllten Hoffnungen, den unrealistischen Erwartungen, dem Selbstmitleid, den Vorwürfen und Selbstvorwürfen, dem Frust, der Machtlosigkeit und allem, was schief gelaufen ist und noch darauf wartet, schiefzulaufen, willkommen heißen. Fluchen, verzweifeln, kapitulieren. Dann: Still werden. Konzentrieren. Plötzlich verstehen, dass das ganze Dilemma um das, was unsere Mutter ist – nämlich ein Vor-Bild: als Frau, als Mensch, als Lebenskonzept – nur einen einzigen Sinn hat: Uns auf unseren wahren Weg als Frau, als Mensch, als Lebenskonzept zu bringen. Genau dieser Kontrast und Konflikt schenkt uns die Freiheit, absolut klar sagen zu können, was wir nicht sind, was und wer wir sind, was und wohin wir wollen. Und es sind nicht die perfekten „She’s got it all“-Strahlemamas, die bei diesem Prozess die größte Hilfe sind.

Jemandem, der lamentiert, dass Vater oder Mutter nicht gerade Ikonen sind und alles andere als Idealmenschen, kann ich nämlich eins versprechen: Den eigenen Weg zu finden ist schon schwierig genug; aber noch viel schwieriger, wenn Mama oder Papa wirklich die „Besten“ sind und in ihrem Superheldentum das Gefühl der Kinder fürs eigene Potenzial, für die Individualität, für Ideale, die vielleicht nicht den familiären Mustern entsprechen, erst gar nicht relevant machen. Es ist unendlich schwierig, aus Konzepten auszubrechen, die einem nicht entsprechen, sich aber (vielleicht schon über Generationen hinweg) bewährt haben. Inspiriert das jemanden vielleicht doch zu einer Dankeshymne an „not so perfect“ Mutti?

Meine Dankeshymne zum Muttertag

Ich mach mal: Danke Mama, dass du mir etwas vorgelebt hast, wovon ich relativ bald gemerkt habe, dass ich es nicht will. Dass du an bestimmten Sachen gescheitert bist und mir damit die Chance gibst, das gar nicht erst zu müssen und es aus meinen Augen direkt besser zu machen – oder zumindest erst im nächsten Level durchzufallen. Mir gezeigt hast, dass ich mir alles, was ich wirklich brauche, sowieso nur selbst geben kann. Dass du mir mit deinem Licht und mit deiner Dunkelheit Dinge beigebracht hast, wichtige Informationen vermittelt, die mich letztendlich zu meinem Glück führten. Wenn wir lernen, aus dem Scheitern unserer Vorgänger Gold zu spinnen, dann werden aus Vorwürfen und Frustrationen automatisch Vergebung und Dankbarkeit.

Ich weiß nicht, was ich später mal für meine Tochter sein werde – in welcher Hinsicht vielleicht ein strahlendes Vorbild und in welcher ein erschreckendes Gegenbeispiel. Aber das muss ich auch nicht. Über die Qualität und Art von Vermächtnis entscheiden alle Töchter dieser Welt erfreulicherweise selbst.

 

Hello! Ich bin Christiane und habe diesen Post geschrieben. Ich lebe als freie Redakteurin in Mexico. Ich berichte Euch ab und an über alles, was mich in Sachen Leben und Lebensstil bewegt.