Diagnose Krebs: mein Weg

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Heute kommt auf REBEL IN A NEW DRESS eine außergewöhnliche Frau zu Wort. Vor einem Jahr wurde bei Annette Brustkrebs diagnostiziert. Seitdem hat sich in ihrem Leben vieles verändert. Vor allem hat sie erkannt, dass sie den Schlüssel zur Heilung nur in sich selbst findet. Sie folgt ihrer Intuition und beschreitet einen Weg abseits jeder Konvention. Ihre Worte machen Mut und zeigen eine starke Frau, die ihre Ängste überwindet.

Wenn man in seinem Leben mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird, bleibt das Leben erst einmal stehen. Bei mir geschah dies am 07. Februar 2018. Die Schulmedizin übernahm sofort das Steuer. Man steht hilflos daneben, unfähig eigene Entscheidungen zu treffen. Das muss man aber gar nicht. Der Fahrplan steht bereits fest. Umstieg ausgeschlossen. Die Biopsie gab dem „Feind“ einen Namen: „Mamma-Karzinom links cT4d cN+ Mx/G2“. Es heisst, man müsse jetzt kämpfen. Die Rüstung (Chemotherapie etc.) anziehen und in den Krieg ziehen. Meine Intuition hatte damit von Anfang an ein Problem: Weder konnte ich meinen Krebs als Feind sehen, noch wollte ich in den Krieg ziehen. Ich begann, mein Leben zu hinterfragen. Immer wieder fragte ich andere Betroffene, ob sie eine Idee hätten, warum sie krank geworden seien. Es gibt wohl zwei Hauptkategorien: Menschen, die an den Zufall glauben, wie Kopierfehler der Zelle oder äußere Einflüsse. Sie geben sich der Schulmedizin hin, die ja schon wisse, wie man dem Feind zu begegnen habe. Es gibt aber Menschen, die nicht an den Zufall glauben, die das Gefühl haben, dass tatsächlich ein tieferer Sinn in dieser Erkrankung steckt. Zu dieser Kategorie Mensch gehöre ich. 

Es heisst, man müsse jetzt kämpfen. Weder konnte ich meinen Krebs als Feind sehen, noch wollte ich in den Krieg ziehen.

Nach der Biopsie gab es eine Woche später ein Gespräch im Krankenhaus. Innerhalb von 15 Minuten bekommt man seinen Fahrplan hingelegt. Bei mir bedeutete das: Chemotherapie, dann Amputation und anschliessend Bestrahlung und dann sei ich wieder gesund. Wäre mein Freund bei diesem Gespräch nicht dabei gewesen, hätte ich mich danach so gut wie an nichts mehr erinnern können. Der Tod. Plötzlich ist der Tod allgegenwärtig im Leben und am Anfang ist da erstmal nur Angst. Todesangst. Der erste Gedanke am Morgen, der letzte Gedanke vor dem Einschlafen und immer wieder dazwischen. Nach der Diagnostik wird man in eine der beiden Schubladen gesteckt, die es in der Schulmedizin gibt. Die Schublade 1 heisst gesund werden. In die kommt man hinein, wenn man keine Metastasen hat. Die Schublade 2 heisst Palliativ und in die kommt man hinein, wenn der Krebs bereits gestreut hat, man also unheilbar krank ist. Das ist meine Schublade.

Egal wie niederschmetternd die Diagnosen waren – in mir blieb das Vertrauen, dass ich den Schlüssel zum Gesund werden nur in mir selbst finden kann.

Ich kann nicht sagen warum, aber egal wie niederschmetternd die Diagnosen waren: von anfänglich „nur“ Zellnestern im Rücken zu pathologischen Frakturen zweier Wirbelkörper blieb in mir das Vertrauen, dass ich den Schlüssel zum Gesund werden nur in mir selbst finden kann. Ich begann wütend zu werden. Warum muss man in diese Schubladen gesteckt werden? Wer kann behaupten, ich sei unheilbar krank? In meinem Fall haben die Schulmediziner mir immer wieder klar gemacht, dass mein Leben von nun an nur noch linear bergab oder mit Glück eine Weile stabil bleiben kann: „Sie wissen schon, dass Sie an Ihrem Krebs sterben werden, oder?“ Auch auf das Aussprechen von Prognosen – entgegen meines klaren Wunsches, diese Zahlen nicht hören zu wollen – wurde nicht verzichtet. 

Die Schulmedizin kennt nur einen Weg bei der Diagnose Krebs. Spurwechsel sind nicht erwünscht.

Ich brauche die Schulmedizin als Puffer, damit meine Seele hinterherkommen kann. 

Diesen Satz sagte ich intuitiv in den ersten Wochen. Warum war ich krank geworden? Was kann ich selbst tun, um wieder gesund zu werden? Ich begann in meinem Inneren nach diesem Schlüssel zu suchen. In den Wochen seit der Diagnose und dem anhaltenden Stress bedingt durch Todesangst war der Tumor in meiner Brust stark gewachsen. Vermutlich sind auch in dieser Phase die Wirbel gebrochen. Ich schaffte es dennoch, wieder klarer zu denken und begann eigene Entscheidungen zu treffen. Durch die HER2/neu Rezeptoren auf meinen Krebszellen gab es bei mir neben der üblichen Chemotherapie, auch verschiedene zielgerichtete Medikamente. Ich machte zum Therapiebeginn nur einmal eine Chemotherapie in Kombination mit den Medikamenten und entschloss mich dann, nur noch die beiden Antikörper zu nehmen. Diesen Weg gehe ich aktuell immer noch. Es ist nicht einfach, gegen die Leitlinie der Mediziner eigenständige Entscheidungen zu treffen. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass mein Kriegsschauplatz gar nicht mehr der Krebs, sondern der Kampf mit der Schulmedizin war. Ich entschied mich auch gegen das Medikament Denosumab, was mit einem „Wollen Sie querschnittsgelähmt sein?“ kommentiert wurde. Mit der Zeit lernt man, solche Aussagen weniger an sich heran zu lassen. Ich wurde mental stärker. Meine Seele kam langsam nach.

Spätestens wenn die Haare ausfallen, steht man öffentlich am Pranger. 

Ob man es will oder nicht, man wird zu einer Art öffentlicher Person und reduziert auf die Krankheit. Es gab immer auch Annette, nicht nur den Krebs. JA! Annette ist da, sie ist mehr als diese Krankheit. Immer noch! Es ist erstaunlich, wie schwierig es für die meisten Menschen ist, normal mit mir umzugehen. Sogar Menschen, die einem einst nahe standen. Ich realisierte immer mehr, dass über mich aber nicht mit mir geredet wurde. Gerüchte gingen um. Ich kann das einerseits verstehen: Wer möchte sich schon mit dem Tod auseinander setzen? Andererseits wurde ich oft wütend, wenn ich diese Blicke auf mir spürte und wollte am liebsten schreien: „Ihr werdet auch sterben!“ 

Es ist wohl die Angst, aus dem Traum zu erwachen, dass das Leben ewig währt, die es Menschen meines Alters (ich bin 47 Jahre alt) so schwer macht, damit angemessen umzugehen. Ernstgemeinte Empathie, mich vielleicht einfach mal liebevoll in den Arm nehmen, ist mir selten passiert. Leider. 

Ich bin auf dem Weg, das erste Mal in meinem Leben wirklich frei zu sein.

Ein Jahr nach der Diagnose bleibt mein Zustand weiterhin stabil. Ich sagte einmal im Anfangsstadium meiner Erkrankung, dass mein Körper im Selbstzerstörungsmodus sei. Wenn es überhaupt einen Kampf gibt, dann der gegen meine inneren Dämonen: Tiefe Verletzungen aus der Kindheit, mangelndes Selbstwertgefühl, fehlende Selbstliebe. Denn es sind diese Dämonen, die mich krank gemacht haben und hier liegt der Schlüssel zum Gesund werden. Das ist es woran ich glaube und dieser Glaube ist aktuell stärker denn je. Aber wenn es im Inneren ruhig und aus negativen Gefühlen Liebe wird, löst sich auch die Angst vor dem Tod auf, denn ich bin nun auf dem Weg, das erste Mal im Leben, wirklich frei zu sein. Endlich.

Dich haben die Worte von Annette berührt oder du bist selbst betroffen? Dann teile deine Gefühle und Gedanken mit ihr indem du einen Kommentar postest oder ihr eine E-Mail schreibst: annette@rebelinanewdress.com

4 Kommentare

  1. Natalia
    März 10, 2019 / 11:36 am

    Liebe Annette, ein großes Kompliment für deinen Mut und dass du wahrhaftig am Kern ansetzt!

    Dass Krankheiten letztendlich immer die letzte Instanz sind, die sich uns Menschen als Herausforderung offenbaren, um uns deutlich aufzuzeigen, dass wir gegen uns und unsere Bestimmung leben, wollen nur die wenigsten sehen. Verleugnen wir unsere Gefühle und lassen das Ego regieren, dann relativieren Herausforderungen und „Krankheiten“ unseren Kurs. Denn wir alle sind vollkommene Liebe in ihrer reinsten Form, nur dahin zu gelangen, ist die große Meisterschaft und tut manchmal verdammt weh!

    Dazu gibt es aktuell einen schönen Film auf Netflix, „HEAL“ heißt er – ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

    Ganz liebe Grüße und Umarmungen
    und auf ein baldiges Kennenlernen
    Natalia ❤️

  2. Kathy
    März 11, 2019 / 11:46 am

    Liebe Annette,
    vielen Dank für Deinen ehrlichen Beitrag. Viele Nichtbetroffene haben keine Ahnung, mit welchen Dämonen sich ein an Krebs erkrankter Mensch auseinandersetzen muss. Sie stehen bedauernd daneben und hoffen, dass alles gut gehen wird. Sich den Regeln der Schulmedizin zu unterwerfen ist eine große Herausforderung – und dies nicht zu tun sicherlich eine noch größere. Die wenigsten gehen diesen Weg, denn er ist mit vielen Stolpersteinen gepflastert. Du hast diesen Weg als den für dich richtigen gefunden und das ist gut so. Den negativen Einflüssen entgegenzuwirken, innerlich ruhig zu werden und liebevolle Gefühle für sich selbst zu entwickeln sind die Voraussetzungen, der Zukunft entspannt entgegen zu gehen. Ich wünsche dir, dass die für dich wichtigen Menschen Dich mit ganz viel Liebe und Zuversicht auf diesem steinigen Weg begleiten werden.
    Alles Liebe
    Kathy

  3. Barbara
    März 12, 2019 / 9:12 pm

    Du bist so mutig, ich beneide Dich dafür.
    Ich muss Übermorgen zur Mammographie und habe solche Angst vor dem Ergebniss.

    • Annette Wedel
      März 13, 2019 / 6:53 am

      Liebe Barbara,
      die Stärke hatte ich am Anfang nicht…. hab keine Angst und warte erst mal ab, was überhaupt heraus kommt. Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass alles ok ist!
      Liebe Grüße,
      Annette

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