From Paris with love

pariser terroranschläge

Während ich diese Zeilen schreibe, hört man draußen Sirenen, Helikopter überfliegen die Stadt. Heute Morgen ereignete sich in Saint Denis eine neue Episode der Pariser Terroranschläge. Wir hoffen, die Letzte. Auf lange Sicht ist sie das aber sicherlich nicht.

Als ich Freitagnacht zu Hause angekommen war und mein Kind im Arm hielt, hatte ich das komische, zuvor nie da gewesene Gefühl, Glück gehabt zu haben. Zig Leute, die ein paar Kilometer weiter die selbe Art von Abend wie ich verbracht hatten, waren tot oder lagen schwerverletzt auf einer Intensivstation.

Paris ist still in diesen Tagen, die Gesichter sind ernst. Aber eins ist sicher: Angst haben wir nicht. Ich lief Montag durch die Straßen und sah Menschen, die sich an Tischen vor Restaurants zuprosteten. Nicht als sei nichts gewesen, sondern im Wissen um die Vergeblichkeit des Versuchs, uns einzuschüchtern. Der neueste Titel von Charlie Hebdo lautet:

Sie haben die Waffen – aber sie können uns mal. Wir haben den Champagner.

Und er sagt im Grunde alles. Wir waren schlaf- und sprachlos, haben geheult, um Freunde gebangt, schlimme Nachrichten erhalten, schreckliche Bilder gesehen. Und jetzt?

Gehen wir in den Supermarkt. Kurz vor Ladenschluss und stehen für ein Sixpack Bier eine halbe Stunde Schlange. Wir sehen fantastisch dabei aus. Wir sitzen vor dem Café. Denken in der Herbstsonne über die Geschehnisse, aber auch über eine neue Frisur oder einen Seitensprung nach. Wir, Juden, Christen und Moslems von Paris zwängen uns wie an allen anderen Tagen in die übervolle Metro und haben keine Zeit, um nach verdächtigen Gepäckstücken Ausschau zu halten; denn wir sagen lieber mit der aufrichtigsten Ernsthaftigkeit „Pardon“ zu jedem Einzelnen, dem wir auf den Fuß getreten oder versehentlich an den Po gefasst haben. Wir achten auf die Nachrichten im Radio und beschweren uns gleichzeitig mit der Concierge übers Klima, denn es ist viel zu mild für November und irgendetwas macht das Wetter hier einfach immer falsch. Wir verstauchen uns Knöchel in zu hohen Schuhen, gehen mit unserer größten Sonnenbrille zum Psychotherapeuten, wir haben Lust auf dunkle Schokolade. Es ist Trüffelzeit und wir essen alles mit Trüffeln was man mit Trüffeln essen kann, am besten schon zum Frühstück. Wir vögeln laut bei weit geöffnetem Fenster und beschweren uns kurz darauf über die zu laute Musik des Hofnachbarn: „Hey ho, Monsieur – haben sie’s etwa nicht mitgekriegt? Wir haben Nationaltrauer!!“ Und das alles dürfen wir, auch wenn nur ein paar Tage seit unserem schlimmsten Alptraum vergangen sind.

Alles, was mit Leben, Liebe, Rock ’n‘ Roll und einem stinknormalen Everyday in Freiheit zu tun hat, müssen wir. Denn wir sind Paris und haben Dienst.

Die Lücken der Menschen, die am Freitag ihr Leben gelassen haben, werden uns für immer begleiten. Aber nicht, weil uns das jemand als Strafe und in Rache und Hass auferlegt hat und uns gewaltsam als Narbe eingebrannt; sondern weil wir jemanden verloren haben und ganz einfach wissen, wie man trauert, liebt und niemals vergisst.

Und wenn hier irgendwann in meiner Nähe zwischen zwei extremistischen Arschbacken eine Bombe explodiert, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich von dieser Welt gehe, wenn es gerade am schönsten ist. Zum Beispiel am Abend eines Novembertags, der so mild war, dass ich im Jardin du Luxembourg Bienen gesehen habe; an dem ich in der Metro einem hinreißenden Zeitgenossen an den Po fassen konnte, ohne mich darüber hinaus groß verantworten zu müssen. An dem ich Trüffelschokolade gegessen und stundenlang gevögelt habe. Denn was ihr Untermenschen nicht bedacht habt, als ihr in einem dunklen Loch euren lächerlichen Pseudo-Triumph ausgeheckt habt: Ihr kommt so was von zu spät. Unser allergrößtes Glück, unsere absolute Freiheit, unsere schamlosesten Träume haben sich hier längst erfüllt und eure bemitleidenswerten Wutausbrüche perlen an unserer Freiheit ab wie das Tauwasser an meinem Champagnerglas. Aber wie sollt ihr so was auch verstehen.

 

7 Kommentare

  1. November 18, 2015 / 6:42 pm

    liebe Christine,
    es ist schon furchtbar das ganze Übel vom 13. November über die Medien zu verfolgen – doch bin ich dem Ganzen doch noch weitaus fern …
    ich habe bitterlich geweint, als sich nur wenige Tage nachdem ich aus Kathmandu zurückgekehrt war, die Erdbeben ereigneten und alles, was ich für mehrere Wochen mein Zuhause nannte, von einer Laune der Natur in Schutt und Asche gelegt wurde – aber das, was sich in Paris letzten Freitag ereignet hat, ist von Menschenhand gemacht 🙁

    unsere Gedanken sind be euch in Paris, liebe Christine!
    ich sende dir liebste Grüße,
    <3 Tina
    https://liebewasist.wordpress.com/

    • Christiane
      Autor
      November 19, 2015 / 2:49 pm

      Danke liebe Tina!
      Ich hoffe auch für Deutschland, dass solche Situationen einigermaßen „fern“ bleiben und geplante Anschläge auch weiterhin verhindert werden können, wie gerade in Hannover.
      Ganz liebe Grüße, Christiane

      • Christiane
        Autor
        November 20, 2015 / 12:04 pm

        Liebe Ute,
        ich bin Christiane und der Post oben stammt von mir! Danke für deinen Kommentar. Ich weiß nicht, ob eine „Uniform“ mich auf Dauer glücklich machen würde, kann aber trotzdem sehr gut nachvollziehen, dass sie deinen Joballtag extrem vereinfacht!
        Liebe Grüße, Christiane

  2. silke
    November 19, 2015 / 11:44 pm

    wunderschoen geschrieben <3 und poetisch auf den Punkt !

    • Christiane
      Autor
      November 20, 2015 / 12:04 pm

      Danke liebe Silke!!
      Viele Grüße, Christiane

  3. November 30, 2015 / 5:33 pm

    Wow! Ich bin gerührt und euphorisch zugleich, obwohl ich nicht in Paris wohne. Toller Artikel.

    • Christiane
      Autor
      Dezember 1, 2015 / 2:40 pm

      Dankeschön liebe Ella!!
      Viele Grüße, Christiane

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