Kintsugi oder die Schönheit im Makel

Kintsugi oder die Schönheit im Makel

Kürzlich besuchte ich das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG), um Peter Lindberghs Vermächtnis, seine erste und leider auch letzte von ihm selbst kuratierte Ausstellung „Untold Stories“ zu sehen. Große Momente der Modefotografie, die für Lindbergh nicht einfach nur Fashionaufnahmen, sondern vielmehr ein Kulturbeitrag waren. Berühmt für seine umfassende Asien-Sammlung, zog es mich im MKG weiter zu Werken der japanischen Kalligrafie und Teekeramik, wobei die Letztere für die Japaner auch heute noch einen Stellenwert hat, die weit über ihre bloße Verwendung hinausgeht. In der traditionell durchgeführten Teezeremonie entwickeln sie zu einzelnen Gefäßen nicht selten eine sehr persönliche Beziehung, so dass zerbrochene Stücke nicht wie so häufig entsorgt, sondern in einem aufwändigen Prozess – genannt Kintsugi – repariert werden.

Kintsugi - die Schönheit liegt im Makel
Kintsugi: Die Einzigartigkeit und Schönheit liegt im Makel

Die Ästhetik, die hinter dieser Methode steckt, bedeutet so viel wie die Schönheit im Makel zu sehen. Kintsugi versucht nicht die Reparatur zu verbergen, sondern durch die Verwendung von Goldpigmenten im Lack den Fehler zu unterstreichen. Die einst gebrochenen Stücke werden glatt zusammengefügt und erlangen durch die aufwendige Restauration einen einzigartigen Status. 

Wehmütig dachte ich darüber nach, wie nachlässig wir doch mit uns selbst umgehen, wenn wir uns gebrochen und minderwertig fühlen. Wie wenig Wert wir unseren Mängeln beimessen und diese fortwährend zu Kaschieren versuchen. Statt Zerbrochenem neues Leben einzuhauchen, denken wir darüber nach, wie wir unsere Fehler ausradieren können.

Dabei würde ich dir so gern sagen: DU hast keine Fehler! 

Wenn ich gern ein Wort aus unserem Wortschatz streichen würde, dann wäre es das Wort „falsch“. Was wäre, wenn alles genau richtig wäre, wie es ist? Wenn nur unser andauernder Wunsch nach Verbesserung das Problem wäre? Was wäre, wenn ich mich genauso annehmen würde, wie ich bin?

Ich bin perfekt, bis ich etwas anderes glaube. 

Schon als Kind denken wir uns jeden Abend: Morgen werde ich besser sein. Ich werde meine Vokabeln gewissenhafter lernen und dem Lehrer besser zuhören. Ich werde meine Eltern nicht mehr enttäuschen und Fehler vermeiden. Selbst heute – mit Anfang 40 – ertappe ich mich dabei, wie meine Gedanken darum kreisen, diesen oder jenen Fehler kategorisch vermeiden zu wollen. Aber ich werde wieder Fehler machen! Und gleichzeitig gibt es keine Fehler. Falsch ist ein Konzept, das sich vorstellt, wie etwas sein sollte und das macht auf lange Sicht unglücklich. Der ganze Hype mit der Persönlichkeitsentwicklung verfehlt meines Erachtens nämlich eins: wer denkt, er sollte anders/ besser sein, der wird niemals zufrieden sein können. Wer hart an sich arbeitet, begibt sich in eine endlose Optimierungsschleife. 

Denn du kannst dich gar nicht verändern. Du bist einmalig DU und niemand anderes kann so sein, wie du bist. Du schaust in dein Gesicht, auf deinen Körper und siehst so viele unterschiedliche Persönlichkeiten. Du warst im Laufe deines Lebens schon so viele unterschiedliche Menschen. Eine Frau voller Verantwortung und dann wieder verantwortungslos, aggressiv und auch wieder friedlich, glücklich und traurig. Du bist alles das und das ist befreiend. Du darfst alles sein!

Leben ist Bewegung und es ist nichts Falsches dran, sich zu korrigieren, wenn man offensichtlich daneben lag, falschen Zielen und Vorbildern nachgelaufen ist, sich und sein Herz verleugnet hat. 

Wie kann ich in diesem Prozess gelassen bleiben und mich selbst unterstützen?

Das funktioniert am besten, indem du den Blick auf das richtest, was dir aktuell Kraft gibt. Hand aufs Herz: „Was tut mir gerade gut und was will ich noch mehr davon in mein Leben bringen?“ Schauen wir nämlich darauf, was uns unzufrieden macht, verstärken wir das Problem. Wenn ich zum Beispiel traurig bin und meinen Fokus nur darauf richte, zieht mich das weiter runter. Aber in dem Moment, wo ich auch nur einen Funken Freude in mir finde und mich darauf konzentriere, wächst diese. Die Traurigkeit schrumpft. 

Trotzdem gehört auch die Traurigkeit zu meinem Weg. Alles was passiert und ich fühlen darf, gehört zu meinem Weg. Wenn ich das annehme und akzeptiere, ist da kein „Fehler“ mehr. Alles kann mich weiterbringen, solange ich mich liebevoll mit mir beschäftige. Das Leben und die Liebe verbindet nämlich ein Geheimnis: Sich selbst treu zu bleiben.

Dich interessiert das Thema? Dann lies doch mehr dazu in meiner Kolumne Selbstoptimierung um jeden Preis? 

1 Kommentar

  1. Edith Emmert
    Oktober 3, 2020 / 10:59 am

    Habe eine Werbung gesehen….in TV Bank

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